Autoren

Das Altersvorsorgedepot – endlich der richtige Weg oder Förderung gegen Freiheit?

Das Altersvorsorgedepot – endlich der richtige Weg oder Förderung gegen Freiheit?

Und ich sage es gleich zu Beginn: Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung.
Trotzdem würde ich mein normales Depot nicht vorschnell dagegen eintauschen.
Denn staatliche Förderung ist nur die eine Seite der Rechnung. Auf der anderen Seite steht etwas, das sich nicht so einfach in Euro ausdrücken lässt:
Freiheit.

Was ist das Altersvorsorgedepot überhaupt?

Das Prinzip ist zunächst erfreulich einfach.

Statt die private Altersvorsorge zwingend in Produkte mit Kapitalgarantie zu stecken, können Anleger künftig auch ein Altersvorsorgedepot ohne Garantie nutzen. Darin kann das Geld kapitalmarktorientiert angelegt werden.

Das ist ein wichtiger Schritt.

Wer über 20, 30 oder sogar 40 Jahre für seinen Ruhestand spart, braucht meiner Ansicht nach nicht in erster Linie eine Garantie gegen jede zwischenzeitliche Schwankung. Er braucht Rendite.

Denn Zeit ist am Kapitalmarkt ein mächtiges Werkzeug.

Genau deshalb ist es sinnvoll, Aktien, Fonds und ETFs stärker für die Altersvorsorge zu nutzen.

Das neue System verbindet diesen Kapitalaufbau mit staatlicher Förderung.

Bis zu einem jährlichen Eigenbeitrag von 360 Euro gibt der Staat 50 Cent für jeden selbst eingezahlten Euro hinzu. Auf die darüber hinausgehenden Eigenbeiträge bis insgesamt 1.800 Euro gibt es 25 Cent je Euro.

Wer die vollen 1.800 Euro im Jahr einzahlt, kann damit eine Grundzulage von maximal 540 Euro erhalten.

Aus 1.800 Euro Eigenleistung werden damit 2.340 Euro, die für die Altersvorsorge arbeiten können.

Für Eltern wird es noch interessanter. Für jedes Kind kann zusätzlich eine Kinderzulage von bis zu 300 Euro pro Jahr hinzukommen. Wer früh beginnt, kann außerdem unter bestimmten Voraussetzungen einen einmaligen Berufseinsteigerbonus von 200 Euro erhalten.

Das ist echtes zusätzliches Kapital.

Und dieses Kapital arbeitet mit.

Der vielleicht unterschätzte Vorteil: Der Staat investiert mit

Nehmen wir einen Anleger, der über viele Jahre staatliche Zulagen erhält.

Diese Förderung liegt nicht neben seinem Depot in einer Schublade. Sie befindet sich im Altersvorsorgevermögen und kann gemeinsam mit seinen eigenen Einzahlungen Rendite erwirtschaften.

Das ist entscheidend.

Denn beim langfristigen Vermögensaufbau zählt nicht nur das Geld, das ich selbst einzahle. Entscheidend ist auch, wie lange jeder einzelne Euro für mich arbeiten kann.

Aus Rendite entsteht neue Rendite. Aus dieser wiederum weitere Rendite.

Das ist der Zinseszinseffekt.

Und wenn ein Teil des Kapitals ursprünglich vom Staat gekommen ist, arbeitet auch dieses Geld für mich.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Wertsteigerungen und Erträge innerhalb des Altersvorsorgevertrags werden während der Ansparphase nicht laufend besteuert. Die Besteuerung erfolgt grundsätzlich erst später in der Auszahlungsphase.

Damit bleibt während des Vermögensaufbaus mehr Kapital im System und kann weiterarbeiten.

Bis hierhin gefällt mir das Altersvorsorgedepot ausgesprochen gut.

Doch jetzt kommt mein Problem damit.

Es ist mein Depot – aber nicht vollständig meine Entscheidung

Wer ein normales Wertpapierdepot eröffnet, kann grundsätzlich selbst entscheiden, wie er sein Vermögen aufbaut.

Ich kann einen Welt-ETF kaufen.

Ich kann einzelne Unternehmen auswählen.

Ich kann eine Dividendenstrategie verfolgen.

Ich kann verschiedene Strategien kombinieren.

Und wenn ich meine Meinung ändere, ändere ich meine Strategie.

Beim geförderten Altersvorsorgedepot existiert dagegen ein gesetzlich vorgegebenes Anlageuniversum. Eine sogenannte Positivliste legt fest, welche Vermögensgegenstände überhaupt zulässig sind.

Damit stellt sich für mich eine ganz einfache Frage:

Warum brauche ich eine abschließende Liste, die mir sagt, was für meine Altersvorsorge geeignet ist?

Natürlich verstehe ich den Gedanken dahinter. Der Staat fördert das Produkt mit Steuergeld und möchte deshalb verhindern, dass aus Altersvorsorge ein Kasino wird.

Das kann ich nachvollziehen.

Aber nachvollziehbar bedeutet nicht automatisch, dass es für jeden Anleger die bessere Lösung ist.

Denn ich tausche etwas ein.

Ich bekomme Förderung und gebe dafür einen Teil meiner Anlagefreiheit ab.

Die Förderung ist deshalb nicht kostenlos

Damit meine ich nicht, dass irgendwo heimlich eine Rechnung über 540 Euro auf mich wartet.

Der Preis besteht aus Regeln.

Das Geld ist für die Altersvorsorge vorgesehen. Die Auswahl der Anlagen ist beschränkt. Für Einzahlungen, Förderung und spätere Auszahlung gelten gesetzliche Vorgaben.

Bei meinem freien Depot gibt es diese Einschränkungen nicht.

Und genau deshalb sollte man nicht lediglich fragen:

„Wie viel Geld bekomme ich vom Staat?“

Die bessere Frage lautet:

„Was gebe ich dafür auf?“

Für jemanden, der sich überhaupt nicht mit Geldanlage beschäftigen möchte, kann diese Einschränkung sogar ein Vorteil sein.

Er bekommt einen Rahmen.

Er bekommt Förderung.

Er kann langfristig am Kapitalmarkt investieren.

Und er muss nicht aus Tausenden Möglichkeiten seine eigene Strategie entwickeln.

Aber was ist mit dem Anleger, der das bereits kann?

Was ist mit jemandem, der seit Jahren ein eigenes Depot führt, seine Strategie kennt, Kosten vergleichen kann und ganz bewusst entscheidet, welche Unternehmen oder ETFs er besitzen möchte?

Für ihn sieht die Rechnung möglicherweise anders aus.

Vielleicht verzichtet er auf einen Teil der staatlichen Förderung – besitzt dafür aber die vollständige Kontrolle über sein Vermögen.

Das muss nicht schlechter sein.

Und was passiert mit dem Geld, wenn ich sterbe?

Dieser Punkt gefällt mir am neuen System besser, als man zunächst vermuten könnte.

Das Altersvorsorgevermögen ist grundsätzlich vererbbar.

Allerdings gibt es einen Haken: Wird das Vermögen vererbt, muss die erhaltene steuerliche Förderung grundsätzlich zurückgezahlt werden. Dazu gehören die Zulagen und gegebenenfalls weitere festgestellte Steuervorteile.

Für Ehepartner gibt es eine wichtige Ausnahme. Das vorhandene Altersvorsorgevermögen kann unter den entsprechenden Voraussetzungen ohne diese Rückzahlung auf einen Altersvorsorgevertrag des überlebenden Ehepartners übertragen werden.

Auch die konkrete Auszahlungsform spielt eine Rolle. Bei einem Auszahlungsplan kann noch vorhandenes Vermögen vererbbar sein. Bei einer lebenslangen Leibrente gelten andere Regeln.

Auf den ersten Blick könnte man nun sagen:

Dann war die ganze Förderung ja umsonst.

Das sehe ich anders.

Nehmen wir als vereinfachtes Beispiel an, ein Anleger hätte während seines Lebens insgesamt 20.000 Euro an staatlicher Förderung erhalten.

Wenn diese 20.000 Euro über Jahrzehnte mitinvestiert waren, haben sie ebenfalls Rendite erwirtschaftet.

Der Staat hat also nicht nur Geld hinzugegeben.

Er hat zusätzliches Kapital bereitgestellt, das über Jahre oder Jahrzehnte am Zinseszinseffekt teilnehmen konnte.

Müssen die ursprünglichen Förderbeträge später im Erbfall zurückgezahlt werden, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass die Förderung wirtschaftlich wertlos gewesen wäre.

Das zusätzliche Kapital konnte schließlich vorher arbeiten.

Für mich überwiegt deshalb bei der Vererbbarkeit das Positive.

Das Vermögen ist nicht grundsätzlich verloren, nur weil der Sparer stirbt.

Ein weiterer Pluspunkt: Endlich weniger Angst vor der Börse

Vielleicht ist das sogar die größte gesellschaftliche Stärke des Altersvorsorgedepots.

Deutschland behandelt den Kapitalmarkt bei der Altersvorsorge endlich weniger wie eine Gefahrenzone, die man möglichst weiträumig absperren muss.

Aktien schwanken.

Natürlich tun sie das.

Ein Depot kann heute 100.000 Euro wert sein und einige Monate später nur noch 80.000 Euro.

Wer daraus den Schluss zieht, dass Aktien grundsätzlich ungeeignet für die Altersvorsorge seien, ignoriert jedoch die andere Seite:

Langfristiger Vermögensaufbau braucht Rendite.

Eine Garantie kann beruhigen. Sie kann aber auch Geld kosten und Renditechancen begrenzen.

Das Altersvorsorgedepot ohne Garantie akzeptiert endlich, dass Schwankungen zum Investieren gehören.

Das halte ich für richtig.

Für wen halte ich das Altersvorsorgedepot für interessant?

Vor allem für Menschen, die bisher gar nicht investieren.

Wer bislang jeden Monat Geld auf einem kaum verzinsten Konto liegen lässt oder überhaupt keine zusätzliche Altersvorsorge betreibt, bekommt mit dem Altersvorsorgedepot einen relativ einfachen Einstieg in den langfristigen Kapitalaufbau.

Auch bei niedrigen Eigenbeiträgen ist die Förderung interessant.

Wer beispielsweise lediglich 30 Euro monatlich beziehungsweise 360 Euro im Jahr einzahlt, erhält bei bestehender Förderberechtigung eine Grundzulage von 180 Euro.

Aus 360 Euro eigener Sparleistung werden damit 540 Euro Altersvorsorgekapital.

Das ist erheblich.

Für Familien kann die Kinderzulage die Rechnung noch einmal deutlich verändern.

Und wer über Jahrzehnte spart, lässt nicht nur die eigenen Beiträge, sondern auch die staatlichen Zulagen für sich arbeiten.

Für diese Menschen kann das Altersvorsorgedepot ein sehr gutes Werkzeug sein.

Und für wen vielleicht nicht?

Für Menschen, die bereits eigenständig investieren und ganz bewusst vollständige Kontrolle über ihr Vermögen haben wollen.

Wer genau weiß, was er tut, sollte sich nicht allein von dem Wort „Förderung“ beeindrucken lassen.

Er sollte rechnen.

Wie hoch ist meine tatsächliche Förderung?

Welche Kosten entstehen?

Welche Anlagen stehen mir zur Verfügung?

Welche Anlagen fehlen mir?

Wie flexibel bin ich?

Wie wird später ausgezahlt und besteuert?

Und vor allem:

Passt dieses System überhaupt zu meiner persönlichen Anlagestrategie?

Erst danach kann man sinnvoll entscheiden.

Förderung oder Freiheit? Das ist die eigentliche Frage

Ich halte das Altersvorsorgedepot für einen deutlichen Fortschritt gegenüber vielen bisherigen Vorstellungen staatlich geförderter Altersvorsorge.

Endlich wird akzeptiert, dass Kapitalmarkt und Altersvorsorge keine Gegensätze sind.

Endlich darf Rendite eine größere Rolle spielen.

Die staatlichen Zulagen können attraktiv sein. Die steuerliche Behandlung während der Ansparphase ist interessant. Der Zinseszinseffekt kann auch auf das zusätzliche Förderkapital wirken.

Das alles sind echte Pluspunkte.

Trotzdem würde ich persönlich einen Punkt niemals aus der Rechnung streichen:

Freiheit hat ebenfalls einen Wert.

Vielleicht ist ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot für mich die beste Lösung.

Vielleicht ist es eine Ergänzung zu meinem freien Depot.

Vielleicht komme ich nach dem Rechnen aber auch zu dem Ergebnis, dass ich auf die Förderung verzichte und dafür selbst entscheide, was mit jedem einzelnen Euro meines Vermögens geschieht.

Keine dieser Entscheidungen ist automatisch richtig oder falsch.

Falsch wäre nur, die Entscheidung zu treffen, ohne die Regeln verstanden zu haben.

Das ist letztlich auch der Gedanke, der sich durch meine Bücher zieht:

Finanzielle Unabhängigkeit beginnt nicht mit einem bestimmten ETF, einer bestimmten Aktie oder einem staatlich geförderten Produkt.

Sie beginnt damit, die eigenen Finanzen zu verstehen.

Wer früh beginnt, wer versteht, was er tut, und wer seine Entscheidungen bewusst trifft, besitzt etwas, das sich mit keiner staatlichen Zulage kaufen lässt:

finanzielle Selbstbestimmung.