Nur stimmt diese Rechnung nicht.
Denn gebucht werden vielleicht zwei Stunden auf einer Bühne. Damit diese zwei Stunden funktionieren, hat die Arbeit aber lange vorher begonnen. Uhlig nennt Briefings, Recherche, Gespräche mit Speakern, Technik-Checks, Proben und Reisezeit. Dazu kommen Dinge, die vorher überhaupt niemand planen kann: noch schnell einen Speaker vorbereiten oder kurz vor Beginn einen nervösen CEO beruhigen.
Das Publikum sieht davon nichts. Und genau das ist schließlich der Sinn der Sache. Wenn eine professionelle Leistung gut funktioniert, sieht sie im Idealfall einfach aus.
Ich musste dabei sofort an meinen eigenen Beruf denken.
Ein Buch kostet 10,99 Euro
Als Autor und Verleger kenne ich diese Art der Rechnung ziemlich gut. Ein Taschenbuch kostet beispielsweise 10,99 Euro. Der Kunde hält ungefähr 300 bedruckte Seiten in der Hand und kann sehr leicht vergleichen: Dieses Buch kostet 9,99 Euro, jenes 10,99 Euro und das nächste vielleicht 14,99 Euro.
Was kostet denn schon so ein Buch?
Die interessantere Frage wäre: Was musste passieren, damit dieses Buch überhaupt im Regal liegen kann?
Zunächst einmal muss es geschrieben werden. Bei einem Roman können darin Monate Arbeit stecken. Es wird recherchiert, geschrieben, verworfen, umgestellt und überarbeitet. Irgendwann ist das Manuskript fertig – und das Buch noch lange nicht.
Es folgen weitere Überarbeitungen, Korrekturen, Satz und Gestaltung. Ein Cover muss entstehen. Die Druckausgabe muss vorbereitet werden, vielleicht zusätzlich ein E-Book. Metadaten müssen angelegt, Verkaufstexte geschrieben, Preise kalkuliert und Dateien geprüft werden. Anschließend muss das Buch veröffentlicht, vertrieben und beworben werden.
Und selbst diese Aufzählung ist noch nicht vollständig.
Der Leser sieht davon am Ende genau eines: das fertige Buch.
Gute Arbeit hat ein kleines Wahrnehmungsproblem
Das betrifft natürlich nicht nur Moderatoren, Autoren oder Verlage. Ein Handwerker kann eine Reparatur vielleicht in zwanzig Minuten erledigen. Der Kunde sieht zwanzig Minuten Arbeit und anschließend eine Rechnung, die ihm dafür erstaunlich hoch vorkommt.
Was er nicht sieht, sind Ausbildung und Berufserfahrung, Werkzeug, Fahrzeug, Anfahrt, Versicherungen, Verwaltung und all die Arbeitszeit, die sich keinem einzelnen Kunden in Rechnung stellen lässt.
Vor allem bezahlt er für etwas, das leicht übersehen wird: Der Handwerker wusste innerhalb weniger Minuten, was er tun musste.
Das ist kein Zufall. Das ist ein Teil dessen, was man gekauft hat.
Bei kreativer Arbeit ist es ähnlich. Wenn ich einen Text in einer Stunde schreibe, bedeutet das nicht automatisch, dass dieser Text nur den Wert einer Arbeitsstunde besitzt. Vielleicht kann ich ihn heute in einer Stunde schreiben, weil ich vorher jahrelang geschrieben und gelernt habe, wie ich genau das hinbekomme.
Man bezahlt nicht nur Zeit. Man bezahlt auch dafür, was jemand mit dieser Zeit anfangen kann.
Selbstständige arbeiten nicht acht Stunden am Tag auf Rechnung
Dazu kommt eine Rechnung, die ich immer wieder erstaunlich finde. Ein Selbstständiger verlangt beispielsweise 80 Euro pro Stunde. Also 80 Euro mal acht Stunden, mal fünf Tage, mal ungefähr 220 Arbeitstage – macht weit über 100.000 Euro im Jahr.
Schön wär's.
Kaum ein Selbstständiger kann jede Arbeitsstunde des Jahres einem Kunden berechnen. Angebote müssen geschrieben, Rechnungen erstellt, E-Mails beantwortet und neue Aufträge gefunden werden. Es gibt Buchhaltung, Vorbereitung, Nachbereitung, Weiterbildung, Urlaub und Krankheit. Geräte, Software, Versicherungen oder Arbeitsräume bezahlen sich ebenfalls nicht von allein.
Die sichtbare und abrechenbare Leistung muss deshalb auch einen Teil der Arbeit finanzieren, die niemand auf einer Rechnung als eigene Position sehen möchte.
Beim Buch ist es letztlich nicht anders. Von 10,99 Euro Verkaufspreis landen schließlich nicht 10,99 Euro beim Autor oder Verlag. Herstellung und Vertrieb kosten Geld, Händler und Plattformen verdienen mit, und der Staat möchte ebenfalls seinen Anteil.
Übrig bleibt ein Bruchteil des Preises – und aus diesem Bruchteil muss sich die Arbeit irgendwann rechnen.
Leichtigkeit ist häufig das Ergebnis der Arbeit
Das Spannendste an dem ursprünglichen Gedanken finde ich deshalb den Widerspruch: Je besser jemand seinen Beruf beherrscht, desto leichter kann seine Arbeit von außen aussehen.
Der Moderator führt souverän durch zwei Stunden Veranstaltung. Der Handwerker löst das Problem in zwanzig Minuten. Der Autor schreibt einen Text, der sich leicht liest. Der Verlag bringt ein Buch heraus, das aussieht, als sei es selbstverständlich schon immer genau so gewesen.
Und dann entsteht schnell der Eindruck: Das war doch gar nicht so viel Arbeit.
Doch.
Man hat sie nur nicht gesehen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Preis automatisch gerechtfertigt ist. Eine schlechte Leistung wird nicht dadurch gut, dass jemand behauptet, hundert Stunden daran gearbeitet zu haben. Und teuer bedeutet genauso wenig automatisch hochwertig wie billig automatisch schlecht bedeutet.
Aber wenn wir einen Preis beurteilen, sollten wir vielleicht aufhören, ausschließlich auf den kleinen Ausschnitt zu schauen, den wir am Ende zu sehen bekommen.
Denn häufig bezahlen wir gar nicht hauptsächlich für diese zwei Stunden auf der Bühne, die zwanzig Minuten mit dem Werkzeug oder die 300 Seiten zwischen zwei Buchdeckeln.
Wir bezahlen dafür, dass am Ende etwas funktioniert.
Und wenn es richtig gut funktioniert, sieht man meistens nicht mehr, wie viel Arbeit dafür nötig war.