Aber genau das passiert im Laufe der Zeit trotzdem. Heute geht es um die Arbeit, morgen um Geld, übermorgen um eine Steuerfrage. Dann erzähle ich von einer persönlichen Entscheidung, einer Meinung, einem Problem oder einem Plan. Jede einzelne Information wirkt für sich genommen vollkommen belanglos. Zusammengenommen entsteht daraus irgendwann ein erstaunlich genaues Bild eines Menschen.
Und genau deshalb weiß ich bereits heute ziemlich sicher, welche KI ich nicht benutzen möchte: eine europäische.
Ausgerechnet Europa?
Das klingt zunächst widersprüchlich. Ich lebe in Deutschland, und gerade Europa versteht sich als ein Ort, an dem Datenschutz und der Schutz persönlicher Informationen besonders wichtig sind. Also müsste eine europäische KI für mich doch eigentlich besonders vertrauenswürdig sein.
Bei mir funktioniert es genau andersherum.
Der Grund ist ziemlich einfach: Sie wäre mir zu nah. Nicht geografisch und auch nicht technisch, sondern in Bezug auf die Institutionen, die unmittelbar Macht über mein Leben besitzen.
Natürlich mache ich mir keine Illusionen darüber, dass ein amerikanisches Unternehmen grundsätzlich ein heiliger Hüter meiner Privatsphäre wäre. Auch ein amerikanischer Anbieter unterliegt Gesetzen, Behörden und staatlichen Zugriffsmöglichkeiten. Wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind, kann auch dort niemand einfach sagen: „Nein, unsere Kunden mögen das nicht.“
Der Unterschied besteht für mich darin, dass ich nicht in Amerika lebe. Ich zahle dort keine Einkommensteuer, mein Unternehmen sitzt dort nicht und mein tägliches Leben wird nicht von amerikanischen Behörden verwaltet.
Das schafft keine absolute Sicherheit. Aber es schafft Distanz.
Und diese Distanz ist mir etwas wert.
„Aber das dürfen die doch gar nicht“
Diesen Satz finde ich bei Daten immer interessant, denn für mich gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen zwei Aussagen: Jemand darf bestimmte Daten nicht verwenden oder jemand kann bestimmte Daten nicht verwenden.
Nur die zweite Variante würde das Problem wirklich beseitigen.
Ich kenne einen wesentlich kleineren Maßstab aus meinem eigenen Arbeitsleben. Bei uns lassen sich bestimmte Vorgänge einzelnen Mitarbeitern zuordnen. Wenn beispielsweise mit einem Produkt etwas passiert ist, kann man nachsehen, wer es bearbeitet hat. Dafür kann es vollkommen vernünftige betriebliche Gründe geben.
Aber sobald solche Daten vorhanden sind, lassen sich theoretisch auch andere Fragen stellen. Wer hat wie viel gemacht? Wer war schneller? Wer hat häufiger Fehler gemacht? Wer war produktiver?
Ob all diese Informationen anschließend für irgendeine Personalentscheidung verwendet werden dürfen, ist eine andere Frage. Mein Punkt ist viel einfacher: Die Daten sind vorhanden.
Und sobald Daten vorhanden und zugänglich sind, muss ich darauf vertrauen, dass sie immer nur für den vorgesehenen Zweck verwendet werden. Von jedem Menschen mit Zugriff. Von jedem Unternehmen. Von jeder Behörde. Unter jeder zukünftigen Regierung und unter Gesetzen, die vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren beschlossen werden.
Das ist ziemlich viel Vertrauen.
Ich habe es nicht.
Ich behaupte gar nicht, dass es passiert
Das ist mir wichtig, weil aus einer solchen Haltung schnell eine Behauptung gemacht wird, die ich überhaupt nicht aufstelle.
Ich sage nicht, dass irgendeine europäische KI heimlich für Behörden entwickelt wird. Ich sage nicht, dass morgen jemand meine Gespräche durchsucht. Ich behaupte auch nicht, zu wissen, was hinter verschlossenen Türen geschieht.
Ich weiß es nämlich nicht.
Und genau darin liegt mein Problem.
Ich kenne Gesetze. Ich kann Datenschutzerklärungen lesen. Ich kann mir anhören, was ein Unternehmen verspricht oder eine Regierung erklärt. Aber niemand kann mir heute garantieren, wer in zwanzig Jahren auf welche Daten zugreifen kann, welche Gesetze dann gelten und welche technischen Möglichkeiten bis dahin entstanden sind.
Vielleicht passiert niemals etwas.
Wunderbar.
Das wäre mir sogar am liebsten.
Aber warum sollte ich eine Möglichkeit schaffen, deren Existenz mir keinen Vorteil bringt?
Nehmen wir meine Steuererklärung
Stellen wir uns ein bewusst überspitztes Beispiel vor. Ich lade irgendwann meine Steuerunterlagen bei einer KI hoch, weil ich eine Frage dazu habe. Ich erkläre Zusammenhänge, lasse etwas berechnen und spiele vielleicht verschiedene Möglichkeiten durch.
Später gebe ich meine tatsächliche Steuererklärung ab und darin steht etwas anderes als in irgendeinem Gespräch mit dieser KI.
Vielleicht habe ich mich vorher geirrt. Vielleicht habe ich etwas falsch verstanden. Vielleicht haben sich Zahlen geändert. Vielleicht war irgendeine Aussage lediglich eine Überlegung. Ein Gespräch mit einer KI ist schließlich keine eidesstattliche Erklärung.
Heute würde ich nicht davon ausgehen, dass irgendeine Behörde anschließend beide Datenbestände miteinander vergleicht.
Aber was ist in zehn Jahren?
Oder in zwanzig?
Keine Ahnung.
Und deshalb lautet meine Frage auch gar nicht: „Wird das passieren?“
Meine Frage lautet: Warum sollte ich freiwillig dafür sorgen, dass die dafür notwendigen Informationen überhaupt irgendwo vorhanden sind?
Vertrauen funktioniert für mich nicht auf Zuruf
Besonders wenig überzeugt mich dabei der Satz, meine Sorge sei unbegründet und ich könne den zuständigen Institutionen vertrauen.
Vertrauen entsteht bei mir nicht dadurch, dass derjenige, dem ich vertrauen soll, mir erklärt, dass ich ihm vertrauen kann. Das erinnert mich ein bisschen zu sehr an Kaa aus dem Dschungelbuch: „Vertraue mir.“
Nein.
Ich entscheide selbst, wem ich vertraue.
Dabei kann ich vollkommen falschliegen. Vielleicht sind meine Bedenken übertrieben. Vielleicht stellt sich eine europäische KI irgendwann als datenschutztechnisch hervorragend heraus und meine ganzen Gedanken waren vollkommen unnötig.
Dann habe ich mich geirrt.
Das Recht nehme ich mir heraus. Zu meiner Vorstellung von Selbstbestimmung gehört ohnehin, meine Entscheidungen selbst treffen zu dürfen und anschließend auch mit den Folgen zu leben, wenn ich falschlag. Genau diese Haltung zieht sich auch durch mein sonstiges Denken: Ich möchte lieber mit den Folgen meiner eigenen Entscheidung leben, als mein Leben nach den Erwartungen anderer auszurichten.
Vielleicht müsste jeder seine KI im Ausland suchen
Dabei komme ich zu einem Gedanken, den ich selbst ziemlich interessant finde: Vielleicht könnte ein Amerikaner genau zum gegenteiligen Ergebnis kommen.
Vielleicht fühlt sich für ihn eine europäische KI angenehmer an, gerade weil sie nicht unmittelbar seinem eigenen Staat zugeordnet ist. Vielleicht möchte er seine persönlichen Informationen lieber möglichst weit von den Institutionen entfernt wissen, die direkten Einfluss auf sein Leben haben.
Das könnte ich sogar verstehen.
Denn mein Argument lautet nicht: Amerika ist gut und Europa ist schlecht. Mein Argument lautet: Ich möchte Abstand zwischen den Informationen über mein Leben und der Staatsgewalt, die unmittelbar über mein Leben verfügen kann.
Dieser Abstand garantiert überhaupt nichts. Aber in meiner persönlichen Risikoabwägung ist er ein Vorteil.
Und am Ende ist es genau das: meine Risikoabwägung.
Vielleicht erfahre ich es niemals
Vielleicht sitze ich in zwanzig Jahren da und nichts von dem, worüber ich mir heute Gedanken mache, ist jemals passiert. Dann hat mich meine Entscheidung vermutlich wenig gekostet. Ich habe eben eine bestimmte KI nicht benutzt und stattdessen eine andere.
Der umgekehrte Fall würde mich wesentlich mehr ärgern.
Wenn irgendwann herauskäme, dass persönliche KI-Daten doch für Zwecke verwendet wurden, für die sie ursprünglich niemals gedacht waren, möchte ich nicht dasitzen und sagen:
„Damit konnte ja wirklich niemand rechnen.“
Doch.
Ich konnte damit rechnen.
Nicht damit, dass es passiert.
Aber damit, dass es passieren könnte.
Dieser Unterschied reicht mir.
Ihr könnt das vollkommen anders sehen. Ihr könnt einer europäischen KI eure Texte geben, eure Finanzen besprechen, persönliche Probleme schildern und eure Steuerunterlagen hochladen. Vielleicht ist eure Einschätzung am Ende sogar die bessere.
Es sind eure Daten. Also ist es auch eure Entscheidung.
Ich möchte niemandem vorschreiben, welchen Dienst er benutzen oder wem er vertrauen soll. Das würde auch kaum zu meiner sonstigen Haltung passen: Andere dürfen ihre Entscheidungen treffen; ich möchte lediglich dasselbe Recht für meine eigenen.
Meine Entscheidung steht jedenfalls fest.
Habt eure europäische KI. Aber ohne mich.