Es gibt Wörter, die wir so selbstverständlich benutzen, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber nachdenken. „Freizeit“ ist so ein Wort. Wir arbeiten, fahren zur Arbeit, kaufen ein, erledigen den Haushalt, beantworten Nachrichten, kümmern uns um Rechnungen, gehen zu Terminen und erfüllen Verpflichtungen. Und wenn das alles erledigt ist, beginnt sie irgendwann: die Freizeit.
Eigentlich ist das ein merkwürdiger Begriff. Denn er sagt etwas über unser Leben aus, das wir kaum noch hinterfragen. Es gibt offenbar einen großen Teil unserer Zeit, der bereits für Arbeit, Pflichten und Notwendigkeiten vergeben ist. Und dann gibt es die Zeit, die davon übrig bleibt. Ausgerechnet diesen Rest nennen wir „frei“.
Vielleicht lohnt es sich, darüber einen Moment nachzudenken. Denn wenn nur ein kleiner Teil unseres Tages ausdrücklich als freie Zeit bezeichnet wird, stellt sich zwangsläufig eine andere Frage: Wem gehört eigentlich der Rest?
Wir haben alle 24 Stunden. Wirklich?
Es gehört zu den beliebtesten Sätzen der Selbstoptimierung: „Wir haben alle dieselben 24 Stunden.“ Mathematisch ist das schwer zu widerlegen. Ein Tag hat 24 Stunden. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jeder Mensch über diese 24 Stunden frei verfügen kann.
Nehmen wir einen ziemlich gewöhnlichen Arbeitstag. Acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, eine halbe Stunde Pause und vielleicht eine Stunde für Hin- und Rückfahrt. Damit sind bereits 17,5 Stunden des Tages gebunden. Bleiben 6,5 Stunden.
Das klingt zunächst gar nicht so schlecht. Nur müssen wir vielleicht noch duschen, essen, kochen, einkaufen, Wäsche waschen, die Küche aufräumen, mit dem Hund raus, die Kinder abholen, einen Brief beantworten, einen Arzttermin vereinbaren oder irgendeine andere jener Kleinigkeiten erledigen, aus denen ein normaler Alltag besteht.
Und plötzlich bleiben von den angeblich 24 Stunden vielleicht noch zwei oder drei übrig. An manchen Tagen weniger.
Genau deshalb finde ich den Satz von den gleichen 24 Stunden so schwierig. Er verwechselt vorhandene Zeit mit verfügbarer Zeit. Natürlich besitzt jeder Tag dieselbe Anzahl an Stunden. Aber ein Mensch mit zwei Stunden Arbeitsweg verfügt über seinen Tag anders als jemand, der zehn Minuten zur Arbeit braucht. Eine Alleinerziehende anders als jemand ohne Kinder. Ein Schichtarbeiter anders als jemand mit flexibler Arbeitszeit. Ein Mensch, der Angehörige pflegt, anders als jemand, der nach Feierabend tatsächlich keine weiteren Verpflichtungen hat.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Menschen ständig zu erzählen, sie müssten ihre Zeit nur besser einteilen. Man kann einen Tag organisieren. Man kann ihn aber nicht verlängern.
Und jetzt sollen wir unsere Freizeit optimieren
Besonders interessant wird es, wenn wir endlich diese zwei oder drei Stunden erreicht haben. Denn inzwischen scheint selbst Freizeit nicht mehr einfach stattfinden zu dürfen.
Wir sollen Sport machen, uns gesund ernähren, Freunde treffen, unsere Beziehung pflegen, uns weiterbilden, genug schlafen und natürlich regelmäßig etwas tun, das uns guttut. Vielleicht sollten wir meditieren. Unsere Finanzen organisieren. Die Wohnung ordentlich halten. An unserer persönlichen Entwicklung arbeiten. Und selbstverständlich genügend Zeit mit den Menschen verbringen, die uns wichtig sind.
Daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Fast alles davon sind vernünftige Dinge.
Das Problem beginnt vielleicht dort, wo aus lauter vernünftigen Dingen die nächste Aufgabenliste entsteht. Dann wird selbst Erholung zu einem Projekt. 10.000 Schritte. Acht Stunden Schlaf. Drei Trainingseinheiten. Zwei Liter Wasser. Bildschirmzeit reduzieren. Freunde nicht vernachlässigen. Quality Time einplanen. Vielleicht noch eine Sprache lernen oder endlich das Buch lesen, das seit Monaten auf dem Nachttisch liegt.
Und irgendwann sitzt ein Mensch abends auf seinem Sofa und hat das Gefühl, selbst beim Entspannen noch etwas falsch zu machen.
Vielleicht müssen wir nicht lernen, unsere Freizeit noch effizienter zu nutzen. Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass Zeit nicht effizient sein muss.
Nicht jede freie Minute braucht einen Zweck
Wann hast du das letzte Mal etwas gemacht, das vollkommen nutzlos war?
Nicht gesund, nicht produktiv, nicht lehrreich und nicht gut für deine Karriere. Einfach nur schön.
Vielleicht hast du zwei Stunden ein Videospiel gespielt. Eine alte Serie angesehen, die du längst kennst. Auf dem Balkon gesessen. Musik gehört. Mit jemandem geredet. Im Garten herumgebastelt. Ein Buch gelesen, aus dem du überhaupt nichts „mitnehmen“ musst. Oder einfach gar nichts gemacht.
Wir haben uns erstaunlich stark daran gewöhnt, Zeit nach ihrem Nutzen zu bewerten. Selbst Hobbys sollen plötzlich etwas bringen. Wer gerne fotografiert, könnte damit doch einen Instagram-Kanal aufbauen. Wer gerne schreibt, könnte ein Buch veröffentlichen. Wer gerne kocht, könnte Videos machen. Wer Sport treibt, braucht ein Ziel, eine App und möglichst noch Statistiken über seine Fortschritte.
Aus Interessen werden Projekte. Aus Projekten werden Ziele. Und aus Zielen werden irgendwann Verpflichtungen.
Natürlich kann es großartig sein, aus einem Hobby etwas aufzubauen. Manche Menschen finden genau darin Erfüllung. Aber es muss nicht sein. Man darf etwas auch einfach tun, weil man es gerne tut.
Freizeit braucht keine Rendite.
Vielleicht ist das sogar eine Form von Freiheit, die wir ein wenig verlernt haben: etwas zu tun, ohne anschließend erklären zu müssen, was es gebracht hat.
Selbst Ruhe ist nicht mehr unbedingt ruhig
Und dann gibt es noch die Momente, in denen wir tatsächlich nichts vorhaben. Also greifen wir zum Smartphone.
Nur kurz.
Wir beantworten eine Nachricht, schauen nach dem Wetter, lesen eine Meldung oder sehen uns ein Video an. Eine halbe Stunde später beschäftigen wir uns vielleicht mit einem Krieg, einem Skandal, einem Streit zwischen zwei Menschen, die wir nicht kennen, dem Urlaub eines anderen, dem neuen Auto eines Fremden und der Meinung irgendeines Menschen, von dessen Existenz wir vor wenigen Minuten noch nichts wussten.
Das Smartphone wird irgendwann wieder weggelegt. Der Kopf nicht unbedingt.
Die Bilder bleiben. Die Konflikte bleiben. Die Vergleiche bleiben. Vielleicht ärgern wir uns über etwas, das mit unserem eigenen Leben überhaupt nichts zu tun hat. Vielleicht vergleichen wir unseren ganz normalen Dienstagabend mit dem Urlaub eines Menschen, der uns ausschließlich die schönsten dreißig Sekunden seines Tages zeigt.
Und schon ist etwas Merkwürdiges passiert: Wir hatten frei, aber unser Kopf hatte keine Ruhe.
Vielleicht ist deshalb nicht nur entscheidend, wie viel Freizeit wir haben. Entscheidend ist auch, was mit dieser Zeit geschieht. Wenn selbst die Stunden, in denen niemand etwas von uns verlangt, vollständig mit Nachrichten, Reizen, Vergleichen und Empörung gefüllt sind, bleibt irgendwann kaum noch ein Ort, an dem der Kopf tatsächlich nichts leisten muss.
Vielleicht haben wir dann Freizeit, ohne wirklich frei zu sein.
Arbeit ist nicht der Feind
Dabei wäre es viel zu einfach, die Arbeit zum Gegner zu erklären. Arbeit kann erfüllen. Sie kann Struktur geben, Gemeinschaft schaffen, Stolz erzeugen und finanzielle Unabhängigkeit ermöglichen. Viele Menschen machen ihre Arbeit gerne. Andere vielleicht nicht jeden Tag, wissen aber trotzdem, warum sie sie tun.
Und natürlich muss eine Gesellschaft funktionieren. Lebensmittel müssen verkauft, Pakete geliefert, Menschen gepflegt, Straßen gebaut, Wohnungen gereinigt, Maschinen bedient, Rechnungen geschrieben und unzählige andere Dinge erledigt werden.
Es wird deshalb immer einen Teil unseres Lebens geben, über den wir nicht vollkommen frei verfügen können.
Die entscheidende Frage lautet vielleicht auch gar nicht: Wie werde ich sämtliche Verpflichtungen los?
Das wird den meisten Menschen niemals gelingen.
Die interessantere Frage könnte lauten: Wie viel meines Lebens möchte ich dauerhaft für welche Dinge einsetzen?
Denn Zeit ist eine merkwürdige Währung. Geld kann man verlieren und möglicherweise wieder verdienen. Einen Gegenstand kann man ersetzen. Selbst Vermögen kann verschwinden und später vielleicht wieder aufgebaut werden.
Eine vergangene Stunde bekommen wir nicht zurück.
Deshalb könnte es sinnvoll sein, nicht nur bei Geld zu fragen, ob uns etwas seinen Preis wert ist. Vielleicht sollten wir dasselbe gelegentlich mit unserer Zeit tun.
Ist mir diese Sache drei Stunden wert? Ist mir dieser Arbeitsweg fünf Stunden pro Woche wert? Ist mir diese Verpflichtung jeden Mittwochabend wert? Ist mir dieser Streit zwei Stunden meines Sonntags wert? Ist mir dieses zusätzliche Geld die Lebenszeit wert, die ich dafür einsetzen muss?
Die Antwort kann selbstverständlich Ja lauten.
Vielleicht liebe ich meinen Beruf und nehme deshalb einen längeren Arbeitsweg in Kauf. Vielleicht bedeutet mir mein Hobby so viel, dass ich jede Woche Stunden dafür investiere. Vielleicht arbeite ich bewusst mehr, weil ich mir damit etwas aufbauen möchte.
Es geht nicht darum, möglichst wenig zu tun.
Es geht darum, möglichst oft selbst zu wissen, warum wir etwas tun.
Wie viele Verpflichtungen haben wir eigentlich selbst gebaut?
Denn nicht alles, was unsere Zeit beansprucht, wurde uns von außen aufgezwungen.
Manche Verpflichtungen haben wir uns selbst geschaffen.
Vielleicht kaufen wir etwas auf Kredit und müssen anschließend länger dafür arbeiten. Vielleicht entscheiden wir uns für eine größere Wohnung, ein teureres Auto oder einen bestimmten Lebensstandard und erhöhen damit die Summe, die jeden Monat verdient werden muss. Vielleicht übernehmen wir Aufgaben, weil wir schlecht Nein sagen können. Vielleicht pflegen wir Kontakte, die uns längst mehr Energie kosten, als sie uns geben.
Das bedeutet nicht, dass diese Entscheidungen falsch sind. Ein schönes Auto kann Freude machen. Eine große Wohnung kann Lebensqualität bedeuten. Ein bestimmter Beruf kann trotz langer Arbeitszeiten genau der richtige sein.
Aber vielleicht sollten wir gelegentlich überprüfen, ob die Rechnung für uns noch stimmt.
Denn aus Entscheidungen werden erstaunlich schnell Gewohnheiten und aus Gewohnheiten irgendwann Selbstverständlichkeiten. Dann machen wir Dinge nicht mehr, weil wir uns heute dafür entscheiden würden, sondern weil wir uns irgendwann einmal dafür entschieden haben.
Vielleicht liegt darin eine der Möglichkeiten, sich ein kleines Stück Lebenszeit zurückzuholen. Nicht indem man morgen sein gesamtes Leben umwirft, sondern indem man gelegentlich fragt:
Würde ich mich heute noch einmal genauso entscheiden?
Vielleicht bedeutet Freiheit etwas ganz anderes
Wenn Menschen von Freiheit sprechen, denken sie häufig an große Dinge. Finanzielle Unabhängigkeit. Nicht mehr arbeiten müssen. Reisen. Ein eigenes Haus. Genug Geld auf dem Konto, um sich über Rechnungen keine Gedanken mehr machen zu müssen.
Vielleicht beginnt Freiheit aber viel kleiner.
Mit einem Abend, über den niemand verfügt. Mit einem Sonntag ohne Aufgabenliste. Mit der Entscheidung, eine Nachricht erst morgen zu beantworten. Mit einem Hobby, das niemals Geld verdienen muss. Mit einer Stunde, die keinen Zweck erfüllt.
Vielleicht sogar mit dem einfachen Satz:
Heute mache ich nichts mehr.
Nicht, weil nichts mehr zu tun wäre. Irgendetwas ist schließlich immer zu tun. Eine Schublade könnte aufgeräumt, eine E-Mail beantwortet, etwas vorbereitet oder schon einmal für morgen erledigt werden.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Wer darauf wartet, dass wirklich alles erledigt ist, bevor er sich erlaubt zu leben, könnte ziemlich lange warten.
Denn morgen kommt die nächste Aufgabe.
Wem gehört eigentlich dein Tag?
Vielleicht müssen wir unser Leben deshalb gar nicht vollständig umkrempeln. Die wenigsten Menschen können einfach ihre Arbeitszeit halbieren, sämtliche Verpflichtungen kündigen und ab morgen nur noch das tun, worauf sie gerade Lust haben.
Darum geht es auch nicht.
Vielleicht reicht es zunächst, genauer hinzusehen. Wie viel meiner Zeit ist bereits verplant? Wie viel davon habe ich freiwillig verplant? Welche Verpflichtungen sind notwendig? Welche habe ich irgendwann übernommen und nie wieder hinterfragt? Welche Dinge kosten mich ständig Energie, obwohl sie mir kaum etwas bedeuten? Und welche Dinge sind mir so wichtig, dass ich ihnen ganz bewusst meine Zeit geben möchte?
Denn am Ende besteht ein Leben nicht nur aus Jahren.
Es besteht aus Montagen. Aus Arbeitswegen. Aus Abenden. Aus Sonntagnachmittagen. Aus den zwanzig Minuten nach dem Essen. Aus der Stunde vor dem Schlafengehen. Aus all diesen kleinen Zeitstücken, die einzeln unbedeutend erscheinen und zusammen irgendwann Jahrzehnte ergeben.
Vielleicht ist deshalb „Freizeit“ tatsächlich ein merkwürdiges Wort.
Denn diese Zeit ist nicht der unwichtige Rest unseres Lebens.
Sie ist der Teil, in dem wir besonders häufig selbst entscheiden können, was mit unserem Leben geschieht.
Und vielleicht sollte davon ein bisschen mehr übrig bleiben.
Nicht irgendwann.
Sondern während wir noch etwas davon haben.