Das eigene Buch erscheint. Menschen kaufen es. Rezensionen kommen. Vielleicht wird es weiterempfohlen, taucht in Bestenlisten auf oder sorgt dafür, dass plötzlich sehr viel mehr Menschen den eigenen Namen kennen.le Autoren verbinden Erfolg mit Sichtbarkeit.
Und natürlich gehört auch der große Traum dazu:
Irgendwann vom Schreiben leben zu können.
Daran ist überhaupt nichts falsch.
Problematisch wird es erst, wenn dieser außergewöhnliche Erfolg zum Maßstab für normalen Erfolg wird.
Denn dann kann ein Autor ziemlich viel erreichen und trotzdem ständig das Gefühl haben, gescheitert zu sein.
Das erste Buch verändert meistens nicht das Leben
Es gibt sie: Bücher, die erscheinen und innerhalb kürzester Zeit enorme Aufmerksamkeit bekommen. Debütautoren, die plötzlich überall auftauchen. Geschichten über sechsstellige Vorschüsse, Bestseller und Verfilmungsrechte.
Sie sind nur deshalb interessante Geschichten, weil sie ungewöhnlich sind.
Für die meisten Autoren beginnt eine Laufbahn wesentlich unspektakulärer.
Das erste Buch erscheint.
Einige Menschen kaufen es.
Ein paar lesen es.
Manche mögen es.
Vielleicht empfehlen einige davon es weiter.
Und am nächsten Morgen sieht die Welt noch genauso aus wie vorher.
Das ist kein Scheitern. Das ist ziemlich normal.
Ein fertiges Buch ist mehr als ein Anfang
Schon ein Buch zu schreiben, das tatsächlich trägt, ist eine Leistung.
Nicht irgendein Manuskript mit 70.000 Wörtern. Sondern eine Geschichte, hinter der man auch nach der Überarbeitung noch stehen kann. Eine Geschichte, die fremde Menschen lesen können, ohne den Autor zu kennen oder ihm einen Gefallen tun zu wollen.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber nicht.
Zwischen „Ich würde gerne ein Buch schreiben“ und einem fertigen Roman liegt eine gewaltige Strecke. Und zwischen einem fertigen Manuskript und einem guten Buch noch einmal eine.
Deshalb beginnt Erfolg für uns nicht erst beim Verkauf.
Er beginnt mit einem Werk, das bestehen kann.
Danach braucht es Leser
Natürlich genügt es einem Verlag nicht, Bücher einfach nur herzustellen.
Wir wollen, dass sie gelesen werden.
Und Autoren wollen das ebenfalls.
Deshalb halten wir auch nichts davon, wirtschaftlichen Erfolg kleinzureden. Verkäufe sind wichtig. Reichweite ist wichtig. Und wer mit seinen Büchern irgendwann einen Teil oder sogar seinen gesamten Lebensunterhalt verdienen möchte, darf dieses Ziel selbstverständlich haben.
Nur entsteht so etwas normalerweise nicht über Nacht.
Ein Autor braucht zunächst Leser.
Dann braucht er Leser, die wiederkommen.
Und irgendwann idealerweise Leser, die nicht mehr nur ein bestimmtes Buch kaufen, sondern den Namen auf dem Umschlag kennen.
Das ist der Moment, in dem aus einem einzelnen Buch langsam ein Autorenwerk wird.
Hundert Leser können wichtiger sein als zehntausend Klicks
Unsere digitale Welt hat ein merkwürdiges Verhältnis zu Zahlen entwickelt.
Hundert klingt klein.
Tausend klingt schon besser.
Zehntausend klingt nach Erfolg.
Eine Million muss dann offenbar großartig sein.
Nur funktionieren Bücher nicht zwangsläufig so.
Was nützen 50.000 Menschen, die für wenige Sekunden einen Beitrag sehen und den Namen des Autors anschließend wieder vergessen?
Hundert Menschen, die ein Buch gelesen haben, den nächsten Band erwarten und beim Erscheinen wiederkommen, können für einen Autor wesentlich wertvoller sein.
Aus hundert können zweihundert werden.
Aus zweihundert vielleicht fünfhundert.
Und aus einem Buch werden zwei, drei oder zehn.
Das sieht auf keiner Kurve spektakulär aus.
Aber daraus kann etwas entstehen.
Erfolg entsteht häufig im Katalog
Gerade diesen Punkt halten wir für wichtig.
Autoren denken verständlicherweise stark in einzelnen Büchern. Schließlich verbringt man Monate oder manchmal Jahre mit einem Manuskript. Wenn es erscheint, konzentriert sich entsprechend viel Hoffnung auf genau diesen einen Titel.
Ein Verlag betrachtet irgendwann jedoch das Gesamtbild.
Ein Buch steht nicht allein.
Ein Leser entdeckt vielleicht Band vier und beginnt anschließend mit Band eins. Ein neuer Roman führt zu älteren Titeln. Eine Reihe bekommt mit jedem weiteren Band mehr Gewicht. Und ein Autor, der über Jahre veröffentlicht, bietet einem neuen Leser irgendwann nicht mehr ein Buch an, sondern eine ganze Welt, die entdeckt werden kann.
Damit verändert sich auch die Bedeutung eines einzelnen Verkaufs.
Wer heute ein Buch eines unbekannten Autors kauft, kann morgen dessen nächstes kaufen.
Und übermorgen vielleicht drei ältere.
Langfristiger Erfolg entsteht deshalb häufig nicht durch den einen großen Treffer, sondern durch ein Werk, das mit der Zeit immer größer wird.
Der Mythos vom Durchbruch
Die Vorstellung vom großen Durchbruch ist trotzdem hartnäckig.
Dieses eine Buch.
Dieser eine Moment.
Danach ist alles anders.
Natürlich passiert das.
Ein einzelnes Buch kann eine Karriere verändern. Manchmal verändert es sogar ein Leben.
Nur lässt sich darauf keine vernünftige Strategie aufbauen.
Niemand kann einen Bestseller planen. Man kann ein gutes Buch schreiben, professionell veröffentlichen, vernünftig vermarkten und versuchen, möglichst viele passende Leser zu erreichen.
Was anschließend daraus entsteht, lässt sich beeinflussen.
Aber nicht erzwingen.
Wer seine gesamte Vorstellung von Erfolg an diesen einen großen Moment bindet, macht sich deshalb von etwas abhängig, das er nur teilweise kontrollieren kann.
Vom Schreiben leben zu können ist ein legitimes Ziel
Wir möchten Erfolg allerdings auch nicht romantisieren.
Es klingt schön zu sagen, dass ein einziger begeisterter Leser bereits genügt.
Vielleicht tut er das für manche Autoren.
Für andere nicht.
Wer professionell schreibt, darf Geld verdienen wollen. Ein Autor darf davon träumen, irgendwann weniger in seinem bisherigen Beruf zu arbeiten oder ihn vollständig aufzugeben. Er darf Verkaufsziele haben. Er darf sich über steigende Einnahmen freuen und enttäuscht sein, wenn ein Buch weit hinter seinen Erwartungen zurückbleibt.
Professionalität und Leidenschaft schließen einander nicht aus.
Entscheidend ist nur, welchen Zeitraum man betrachtet.
Wenn das erste Buch nicht den Lebensunterhalt finanziert, sagt das wenig über die nächsten zehn Bücher aus.
Wenn ein Autor im ersten Jahr nur wenige Leser erreicht, sagt das wenig darüber aus, wie viele ihn nach fünf Jahren kennen.
Und wenn ein Buch langsam startet, muss das nicht bedeuten, dass es langsam endet.
Erfolg hat verschiedene Stufen
Vielleicht liegt genau hier das Problem mit dem Begriff.
Wir behandeln Erfolg gerne wie einen Schalter.
Erfolgreich oder erfolglos.
Dabei gibt es dazwischen eine riesige Fläche.
Das erste wirklich gute Buch ist ein Erfolg.
Die ersten fremden Leser sind einer.
Der erste Leser, der von sich aus das nächste Buch kauft, ebenfalls.
Eine wachsende Reihe ist Erfolg.
Ein stabiler Katalog ist Erfolg.
Regelmäßige Einnahmen sind Erfolg.
Einen Teil des Lebensunterhalts mit Büchern zu verdienen, ist Erfolg.
Und irgendwann ausschließlich davon leben zu können, ist selbstverständlich ebenfalls einer.
Das eine macht das andere nicht wertlos.
Vielleicht ist Erfolg einfach, weitermachen zu können
Für uns ist deshalb eine andere Frage interessanter als die nach dem großen Durchbruch:
Ermöglicht das, was wir heute aufbauen, morgen den nächsten Schritt?
Findet ein Buch genügend Leser, damit ein weiteres sinnvoll ist?
Wächst mit jedem Titel die Chance, neue Menschen zu erreichen?
Wird ein Autor mit jedem Buch besser?
Entsteht langsam etwas, das nicht nach einer Veröffentlichung wieder verschwindet?
Dann entwickelt sich etwas.
Vielleicht noch keine große Autorenkarriere.
Vielleicht noch kein Einkommen, von dem man leben kann.
Aber eine Grundlage, auf der genau das irgendwann möglich werden könnte.
Und wahrscheinlich ist das eine wesentlich realistischere Vorstellung von Erfolg als die Hoffnung auf diesen einen magischen Moment.
Erfolg bedeutet nicht zwangsläufig, angekommen zu sein.
Manchmal bedeutet er zunächst nur, dass es einen guten Grund gibt, weiterzugehen.
Und wenn daraus mit der Zeit mehr wird?
Umso besser.
Denn große Ziele darf man haben.
Man sollte nur nicht glauben, dass alles darunter ein Misserfolg ist.