
Standpunkt:
Torsten, beginnen wir erstmal mit „Die unerzählten Fälle“. Wie kam überhaupt die Idee zustande?
Torsten Nicodemus:
Ich war eigentlich schon immer ein großer Fan von langen Reihen und großen Serienwelten. Aber bei nur wenigen Reihen stellt man sich irgendwann wirklich die Frage: Was passiert eigentlich zwischen den Geschichten? Wie lebt diese Welt außerhalb der eigentlichen Handlung weiter?
Bei Sherlock Holmes hatte ich dieses Gefühl besonders stark.
Natürlich liebe ich auch Reihen wie „Die drei ???“ oder „TKKG“, aber Sherlock Holmes hat für mich immer etwas Besonderes gehabt. Doyle hat es geschafft, einem das Gefühl zu vermitteln, dass diese Welt wirklich existiert. Dass London auch dann weiterlebt, wenn gerade kein Fall passiert.
Und genau das hat mich fasziniert.
Was machen Holmes und Watson eigentlich zwischen zwei Fällen? Was macht Mrs. Hudson den ganzen Tag? Wie sieht ihr Alltag aus? Wie lebt diese Welt außerhalb der eigentlichen Ermittlungen weiter?
Ich glaube, genau dieses Gefühl von einer lebendigen Welt ist einer der Gründe, weshalb Sherlock Holmes bis heute funktioniert.
Und irgendwann begann dann bei mir der Gedanke: Wie könnte man das glaubwürdig weiterspinnen, ohne den Doyle-Kanon zu zerstören?
Mir war dabei immer wichtig, möglichst nah am Original zu bleiben. Ich wollte Holmes nicht neu erfinden oder plötzlich etwas komplett anderes daraus machen. Sondern eher das Gefühl erzeugen, dass diese Geschichten vielleicht tatsächlich irgendwo zwischen Doyles Fällen hätten existieren können.
Und gleichzeitig stellte ich mir irgendwann die Frage: Wir erleben die Welt fast immer nur aus Watsons Sicht. Watson bewundert Holmes sehr stark. Aber wie sah das eigentlich für andere Menschen aus?
Vor allem für jemanden wie Inspector Lestrade.
Und genau daraus entstand letztlich die Idee für eine zweite Reihe: „Die Fälle des Inspector Lestrade“.
Denn Lestrade steht Holmes wahrscheinlich näher als fast jeder andere außerhalb der Baker Street. Gleichzeitig blickt er aber völlig anders auf ihn. Für Watson ist Holmes fast schon ein außergewöhnliches Genie. Lestrade dagegen erlebt ihn als Polizeibeamter mitten im Alltag der Ermittlungsarbeit.
Und das Spannende daran ist: Lestrade ist keineswegs dumm. Im Gegenteil. Aber er denkt anders als Holmes. Er greift eher nach dem Offensichtlichen, während Holmes oft Dinge erkennt, die andere überhaupt nicht wahrnehmen.
Besonders interessant wurde diese Idee dann für mich durch den zeitlichen Abstand.
Denn ein alter Lestrade, der längst im Ruhestand ist und seine Erinnerungen niederschreibt, blickt natürlich ganz anders auf manche Ereignisse zurück als der junge Inspector damals mitten in den Fällen.
Vielleicht versteht er Holmes heute besser. Vielleicht erkennt er heute Dinge, die er damals nicht erkennen wollte. Vielleicht beurteilt er manche alten Fälle inzwischen völlig anders.
Und genau dieser Gedanke hat mich irgendwann nicht mehr losgelassen.
Standpunkt:
Was bedeutet für dich „nah am Doyle-Kanon“?
Torsten Nicodemus:
Im Grunde genommen ganz einfach: Alles, was Doyle geschrieben und damit festgelegt hat, ist für mich Gesetz.
Ich würde niemals auf die Idee kommen zu sagen, dass irgendetwas aus den Originalgeschichten „nicht passiert“ sei oder plötzlich anders gewesen wäre. Alles, was Doyle geschrieben hat, hat in dieser Welt stattgefunden. Und genau innerhalb dieses Rahmens bewege ich mich.
Das bedeutet aber gleichzeitig nicht, dass man nichts weitererzählen kann. Doyle hat unglaublich viele Dinge nur angerissen oder erwähnt, ohne sie genauer auszuführen.
Nehmen wir zum Beispiel Lestrade. Doyle erwähnt irgendwann lediglich, dass Lestrade verheiratet ist. Mehr erfährt man darüber praktisch nicht. Aber genau dort beginnt dann für mich der interessante Teil. Ich kann erzählen, wie seine Frau vielleicht war oder wie ihre Beziehung aussah. Vielleicht leben sie später getrennt, vielleicht nicht. All das kann man weitererzählen.
Aber ich würde niemals sagen: „Lestrade war eigentlich nie verheiratet.“ Das würde dem widersprechen, was Doyle bereits festgelegt hat.
Genauso bei Watson. Wenn Doyle schreibt, dass Watson verheiratet war, dann ist das so. Ich würde nicht plötzlich anfangen, seine gesamte Lebensgeschichte umzuschreiben oder irgendwelche grundlegenden Dinge komplett zu verändern.
Und genau das stört mich bei manchen modernen Interpretationen. Dort wird die bestehende Lore teilweise völlig umgebaut, bis irgendwann kaum noch etwas vom eigentlichen Sherlock Holmes übrig bleibt.
Plötzlich manipuliert Holmes heimlich die Weltgeschichte oder kämpft gegen irgendwelche riesigen Verschwörungen. Das ist für mich einfach nicht die Figur, die Doyle geschrieben hat.
Ich möchte diese ursprüngliche Welt bewahren. Nicht zerstören. Nicht modernisieren um jeden Preis. Sondern weiterdenken.
Holmes funktioniert für mich gerade deshalb so gut, weil diese Welt trotz aller düsteren oder unheimlichen Atmosphäre immer real bleibt. Es darf mysteriös wirken. Es darf unheimlich wirken. Aber am Ende muss es in der Realität verankert bleiben.
Nehmen wir zum Beispiel einen Fall wie „Der Werwolf von Cornicals Hope“. Natürlich klingt das erstmal absurd. Aber der Gedanke dahinter ist eben nicht: „Es gibt wirklich Werwölfe.“ Sondern vielmehr: „Wie manipuliert jemand gezielt die Angst einer Dorfgemeinschaft?“
Der Täter nutzt Aberglauben aus. Er weiß, dass die Menschen dort an alte Legenden glauben. Also erschafft er eine Illusion. Ein echter Wolf läuft durchs Dorf, zusätzlich erscheint nachts eine Gestalt mit Fell und Wolfsschädel in der Ferne. Die Leute reden sich gegenseitig hinein. Genau dadurch wirkt es real.
Und genau das interessiert mich viel mehr als echte Monster.
Natürlich kann es am Ende trotzdem Leser geben, die sagen: „Das ist nicht mein Holmes.“ Das wird man nie verhindern können.
Aber ich denke trotzdem, dass ich mit meinem Ansatz deutlich näher an Doyle bleibe als viele moderne Interpretationen. Zumindest deutlich näher, als wenn Holmes plötzlich irgendwo im Weltraum Fälle lösen würde.
Standpunkt:
Viele Leser sagen, deine Geschichten würden sich sehr „lebendig“ anfühlen. Woher kommt das?
Torsten Nicodemus:
Das liegt vermutlich daran, dass ich wirklich versuche, diese Welt leben zu lassen und nicht einfach nur einen Fall nach dem anderen „abzuarbeiten“.
Natürlich stehen die Fälle im Mittelpunkt. Aber mich interessieren genauso die kleinen Dinge drumherum. Die alltäglichen Situationen. Die Menschlichkeit der Figuren. Genau das macht eine Welt am Ende glaubwürdig.
Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, weshalb Doyle bis heute funktioniert. Seine Geschichten bestanden eben nicht nur aus Rätseln und Ermittlungen. Da gab es Frühstücksszenen, Gespräche am Kamin, Theaterbesuche, Straßengeräusche oder kleine Begegnungen zwischendurch.
Dadurch hatte man immer das Gefühl, dass diese Welt auch außerhalb der eigentlichen Fälle weiterlebt.
Und genau das versuche ich ebenfalls einzufangen.
Mich interessiert zum Beispiel genauso, was Mrs. Hudson macht, wenn gerade kein Fall stattfindet. Mit wem sie spricht. Wen sie kennt. Wie Menschen damals überhaupt miteinander gelebt haben.
Oder kleine Situationen, die eigentlich völlig nebensächlich wirken, einer Welt aber unglaublich viel Leben geben.
Vielleicht kommt jemand herein und bringt Mr. Watson irgendeine kleine Leckerei mit. Vielleicht sitzt jemand einfach nur am Kamin und beschwert sich über das Wetter. Das sind winzige Momente, aber genau solche Dinge sorgen dafür, dass Figuren plötzlich menschlich wirken.
Und ich glaube, genau das vergessen heute viele Geschichten ein wenig. Oft wird nur noch die eigentliche Handlung abgearbeitet. Aber eine Welt wirkt erst dann wirklich glaubwürdig, wenn man das Gefühl bekommt, dass die Menschen darin auch außerhalb des eigentlichen Falls weiterleben.
Standpunkt:
Du hast bereits angedeutet, dass neben „Die unerzählten Fälle“ noch eine zweite Holmes-Reihe geplant ist.
Torsten Nicodemus:
Ja, die ist tatsächlich bereits in Planung und wird sich deutlich von „Die unerzählten Fälle“ unterscheiden.
Im Mittelpunkt steht diesmal Inspector Lestrade. Allerdings nicht mehr der junge Lestrade aus den klassischen Holmes-Geschichten, sondern ein deutlich gealterter Mann, der inzwischen selbst im Ruhestand ist.
Die Grundidee dahinter ist eigentlich recht simpel: Lestrade beginnt irgendwann damit, seine eigenen Erinnerungen und Fälle aufzuschreiben. So ähnlich, wie Watson einst die Fälle von Sherlock Holmes niederschrieb, erzählt nun Lestrade von den Dingen, die er selbst erlebt hat.
Darunter befinden sich natürlich völlig eigenständige Fälle, die nie etwas mit Holmes zu tun hatten. Aber ebenso Geschichten, in denen Sherlock Holmes, Watson oder auch Mrs. Hudson auftauchen. Allerdings eben nicht mehr aus Watsons Perspektive, sondern aus der Sicht eines Polizeibeamten, der viele dieser Ereignisse selbst erlebt hat.
Und genau das finde ich spannend. Wie hat eigentlich Lestrade bestimmte Fälle erlebt? Wie wirkte Holmes auf Scotland Yard? Wie haben Polizisten damals gearbeitet? Wie sah der Alltag hinter den Ermittlungen aus?
Vor allem aber betrachten wir diese Ereignisse durch die Augen eines älteren Mannes, der mit den Jahren gereifter geworden ist und manche Dinge heute vielleicht anders beurteilt als früher.
Es geht weniger darum, Sherlock Holmes neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, diese Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Standpunkt:
Diese melancholische Stimmung erinnert teilweise fast an „Red Dead Redemption 2“.
Torsten Nicodemus:
Ja, wobei ich dabei gar nicht unbedingt bestimmte Figuren kopieren möchte. Mich fasziniert vielmehr dieses Gefühl, das „Red Dead Redemption 2“ unglaublich gut vermittelt: Eine Welt verändert sich unwiderruflich und die Menschen darin merken langsam, dass ihre Zeit vorbei geht.
Gerade Van der Linde ist dafür ein gutes Beispiel. Nicht unbedingt charakterlich, sondern wegen dieses Gedankens, dass die alte Welt, die man gekannt hat, langsam verschwindet und durch etwas Neues ersetzt wird.
Und genau dieses Gefühl möchte ich auch mit „Die Fälle des Inspector Lestrade“ transportieren.
Allerdings nicht so, dass Lestrade oder Holmes verbittert gegen diese Entwicklung kämpfen. Im Gegenteil. Sie erkennen durchaus, dass die neue Zeit ihre Vorteile hat. Moderne Kriminaltechnik entsteht, Elektrizität hält Einzug, Automobile verdrängen langsam die Droschken. Die Welt entwickelt sich weiter.
Aber gleichzeitig merken Figuren wie Lestrade eben auch: Das ist nicht mehr unsere Zeit.
Ich glaube, jeder Mensch kennt dieses Gefühl irgendwann. Man wird älter und erkennt plötzlich, dass bestimmte Dinge einen einfach nicht mehr erreichen oder interessieren wie früher. Nicht aus Bosheit oder weil man alles Neue ablehnt, sondern weil man selbst aus einer anderen Zeit stammt.
Und genau diese Stimmung interessiert mich unglaublich.
Holmes geht damit vermutlich anders um als Lestrade. Holmes war seiner Zeit ohnehin oft voraus. Bei Lestrade dagegen spürt man wahrscheinlich viel stärker diesen Wandel. Er erkennt, dass sich die Welt verändert und akzeptiert das auch — aber gleichzeitig merkt er, dass er selbst immer mehr zu einem Relikt dieser alten Welt wird.
Und genau daraus entsteht diese melancholische Grundstimmung.
Aber trotz allem soll diese Welt niemals kalt oder hoffnungslos wirken. Es muss weiterhin Humor geben. Wärme. Menschlichkeit. Kleine Gespräche. Menschen, die miteinander leben. Genau das macht Welten am Ende glaubwürdig und lebendig.
Ich glaube deshalb auch, dass Menschen, die „Red Dead Redemption 2“ wirklich verstanden und verinnerlicht haben, ziemlich gut nachvollziehen können, welche Stimmung ich mit „Die Fälle des Inspector Lestrade“ erzeugen möchte.
Standpunkt:
Was wäre für dich persönlich das größte Kompliment eines Lesers?
Torsten Nicodemus:
Sherlock Holmes begleitet mich eigentlich schon seit frühester Kindheit. Ich glaube, ich war vielleicht acht, neun oder zehn Jahre alt, als ich angefangen habe, mich dafür zu begeistern.
Ich habe damals die Filme gesehen, die es zu der Zeit gab, später unzählige Hörspiele gehört — von Maritim, Europa und vielen anderen. Und natürlich irgendwann auch die Originalgeschichten gelesen.
Nicht mit jeder späteren Interpretation bin ich einverstanden. Gerade wenn sich etwas sehr weit vom eigentlichen Doyle-Kanon entfernt, verliere ich oft den Zugang dazu. Aber die ursprüngliche Welt, die Doyle erschaffen hat, liebe ich bis heute.
Diese Atmosphäre. Diese Figuren. Dieses London. Dieses Gefühl, dass hinter jedem Nebel vielleicht ein neues Rätsel wartet.
Und genau deshalb wäre es wahrscheinlich wirklich der größte Ritterschlag überhaupt, wenn irgendwann einmal jemand zu einer meiner Geschichten sagen würde:
„Das hätte auch von Doyle stammen können.“
Damit würde für mich wahrscheinlich ein kleiner Kindheitstraum in Erfüllung gehen. Und ehrlich gesagt wäre das etwas, womit ich vermutlich niemals wirklich rechnen würde.
Mit „Die unerzählten Fälle“ und „Die Fälle des Inspector Lestrade“ entsteht beim Aktiokrat Verlag derzeit eine Holmes-Welt, die sich bewusst dem Geist Arthur Conan Doyles verpflichtet fühlt — nicht durch bloße Kopie, sondern durch Respekt vor Figuren, Atmosphäre und der lebendigen Welt hinter den eigentlichen Fällen.
Und vielleicht ist genau das am Ende das größte Geheimnis guter Sherlock-Holmes-Geschichten: Nicht nur die Frage, wer ein Verbrechen begangen hat — sondern das Gefühl, dass hinter jeder Tür, jeder Gaslaterne und jedem verregneten Londoner Morgen noch unzählige weitere Geschichten warten.